«Hilfe brauche ich keine, danke. Aber wie wär’s mit einem Kaffee? »

 

 

Autor: Larissa Läubli

 

Das Gefühl der Einsamkeit kann jeden erreichen. Doch besonders Menschen mit einer Behinderung oder Krankheit haben es schwer, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen. Scham, Schüchternheit und Vorurteile können dazu führen, dass sie sich zurückziehen und die Gesellschaft anderer meiden.

 

Laut einer BfS-Statistik aus dem Jahre 2012 fühlen sich 50% aller Menschen mit Behinderung in der Schweiz von Zeit zu Zeit einsam. Je stärker die Behinderung ist, je grösser ist auch die Einsamkeit. Denn je mehr man durch ein Handicap eingeschränkt ist, desto eher wird dieses in den Fokus gerückt und beherrscht den Alltag. Den Grund für ihre Einsamkeit sehen deswegen viele Menschen mit Behinderung in ebendieser. Ein Rollstuhl, das fehlende Gehör oder eine schwere Krankheit stellen die Betroffenen und deren Umfeld vor neue Herausforderungen.

Gesund und trotzdem einsam

Doch wie in der Einleitung schon erwähnt, hat Einsamkeit viele Gesichter. Es sind nicht bloss Senioren, welche die Zeit beklagen, wo sie allein sind. Auch junge Menschen können sich oft einsam fühlen. Es sind nicht Wohnortswechsel im In- und Ausland, die einem seiner sozialen Kontakte berauben. Auch Menschen, die sich seit jeher im Heimatort aufhalten, können sich oft einsam fühlen. Es sind nicht nur die Introvertierten, die sich vielleicht mehr Geselligkeit wünschen. Auch in der Masse kann das Gefühl der Einsamkeit entstehen, wenn man sich nicht zugehörig fühlt. Während das Alter langsam, jedoch unaufhörlich jedem von uns näherkommt, ist ein Wohnortswechsel in den allermeisten Fällen ein freiwilliger Entscheid. Die Art der Persönlichkeit eines jeden ist gegeben und muss nichts über seine Zufriedenheit aussagen. Eine Krankheit oder Behinderung, sei sie körperlich wie geistig, jedoch, kann ganz plötzlich auftreten und einem gehörig aus der Bahn werfen. Doch auch wenn sich der drohende gesundheitliche Wechsel gemächlicher ankündigt, oder schon seit Geburt entsteht: Menschen mit einem Handicap sind einfach anders - und doch gleich.

 

Weniger Mitleid und mehr Akzeptanz

Trifft man im Alltag einen Menschen im Rollstuhl an, kann so manch einer versucht sein, ihm seine Hilfe anzubieten. Vielleicht freut sich der Rollstuhlfahrer über das entgegengebrachte Engagement und nimmt gerne an, dass man ihm über eine heikle Schwelle hilft. Allenfalls lehnt er die zusätzliche Muskelkraft auch dankend ab. Doch vielleicht fühlt er sich durch das Angebot auch gekränkt und entfernt sich beleidigt. Bestimmt bekommen viele Menschen mit einer sichtbaren Behinderung immer wieder helfende Hände entgegengestreckt. Ein Grossteil von ihnen lebt schon einige Zeit, wenn nicht das ganze Leben lang mit seiner Einschränkung und weiss sich zu helfen in allen Lebenslagen. Die ständigen Hilfeleistungen können das Gefühl erzeugen, bloss Mitleid zu erregen. Und das will niemand. Wie Gesunde auch, wollen sich Menschen mit einer Krankheit oder Behinderung integriert und akzeptiert durch ihr Umfeld bewegen können und sich nicht wie ein bevormundetes Kleinkind fühlen. Wie bereits erwähnt, sollte das Handicap nie im Fokus stehen und das muss beiden Seiten klarwerden.

 

«Starrt mich nicht so an! »

Eine schwierige Phase hatte jeder schon. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Körper, das gehört zum erwachsenwerden dazu und konfrontiert einem früher oder später. Gefühle wie Zorn und Ablehnung gegen das Umfeld wie gegen sich selbst können plötzlich auftreten und haben oft einen vorübergehenden Rückzug zur Folge. Doch mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung, sowie mit einer Krankheit müssen sich die Betroffenen dem noch auf einem anderen Level stellen. Auch Menschen, die von Geburt an unter einem Handicap leiden, sehen sich mit dem Älterwerden auf einmal mit der Tatsache konfrontiert, dass sie bestimmte Dinge nicht so gut können oder nie beherrschen werden, was gleichaltrige Kollegen tun. Solche plötzlich klarwerdenden Tatsachen tun weh und haben natürlich zur Folge, dass Betroffene eine Weile daran zu kauen haben. Auch das Gefühl, ständig angestarrt zu werden kann bewirken, dass man der Umwelt gegenüber eher misstrauisch, zynisch und negativ eingestellt ist. Die erwartete Zurückweisung des Gegenübers lässt im schlimmsten Fall schon gar keine Beziehung zu, obwohl man sich mehr Sozialkontakt wünscht.

 

Familie ist wichtig, Freundschaft jedoch auch

Vor allem wenn eine Behinderung oder Krankheit schon seit Geburt besteht ist klar, dass sich die Familie und allenfalls Pflegepersonal um die Betroffenen kümmern. Der Besuch einer normalen Schule ist je nachdem gar nicht möglich. So wächst man zwar nicht völlig isoliert auf, verbringt die Tage aber bloss mit den Eltern, allfälligen Geschwistern und Pflegern. Der Kontakt zu Gleichaltrigen ist jedoch ebenfalls enorm wichtig für eine normale Entwicklung. Im Falle eines Handicaps ist es natürlich ein Vorteil, wenn man sich darüber hinaus mit Menschen austauschen kann, welche dasselbe Schicksal ereilt hat. Denn keiner weiss so gut über die eigenen Gefühle und Probleme Bescheid, wie jemand der gerade genau das gleiche durchmacht. Da man jahrelang unter den Argusaugen der Eltern lebte und bloss wenige Freunde hatte, ist es mehr als normal, schüchtern zu sein. Auch Schamgefühl kann Menschen mit Handicap daran hindern, neue Leute kennenzulernen. Sie haben vielleicht noch Mühe, sich selber so zu akzeptieren und wollen niemandem eine Last sein. Neben speziellen Kursen, in denen man mit gezielten Trainings lernt, selbstsicherer auf andere zugehen zu können und mit sich selbst ins Reine zu kommen, kann auch das Internet helfen, die sozialen Kontakte zu stärken. Denn dank dem Web kann man völlig orts- und zeitunabhängig, sowie anonym miteinander in Kontakt treten. Man kann z.B. über sein Leben und seine Gefühle bloggen und so auf sich aufmerksam machen. Oder man wählt den direkten Weg und Chattet mit neuen Bekanntschaften. Da Freundschaft auf rein virtueller Basis jedoch auf Dauer nicht wirklich befriedigend sein kann und echten sozialen Kontakt nicht ersetzt, sind Treffen im echten Leben natürlich immer das beste Mittel gegen Einsamkeit.